WDR-Online Text

Leben auf dem Campingplatz

Warum Menschen in den Wohnwagen ziehen

Von Lisa von Prondzinski

Tagaus, tagein auf 15 Quadratmetern leben und die Gemeinschaftsdusche aufsuchen? Es gibt Menschen, die sich bewusst für ein Leben auf dem Campingplatz entscheiden. Für andere dagegen ist die Preisfrage ausschlaggebend. Eine Mietwohnung ist ihnen zu teuer.

"26 Grad minus - das war die schlimmste Nacht hier." Karsten Lehmkuhl spricht diesen Satz mit großem Respekt. Er erinnert sich noch gut an die klirrende Kälte im unzureichend isolierten Wohnwagen. Das war im letzten Winter. Da lebte der Ex-Hamburger schon auf dem "Campingplatz am Aggerstrand" in Lohmar. Der Hausmeister hatte eine Stelle auf Probe in der Gegend angenommen und hier eigentlich nur einen Zwischenstopp geplant. "Dann kam noch die Enge dazu. Man hat ja kaum Platz sich zu bewegen. Und draußen war es zu kalt. Das war schon hart", erinnert sich der 44-Jährige. "Ich bin aber trotzdem geblieben", fügt er strahlend hinzu. Nicht, weil es günstiger sei als eine Mietwohnung, sondern wegen der besonderen Atmosphäre. "Das ist wie in einem kleinen Dorf. Man kennt die Nachbarn und kann einfach rübergehen und quatschen." In Hamburg, wo er herkommt, "kannte ich den Namen meiner Nachbarin und wusste, wie sie aussieht. Das war's."

 

Vorbild sind die Trailerparks in Amerika

Rund 60 Leute leben dauerhaft auf dem Campingplatz, der zwischen einer Bundesstraße und dem Fluss Agger liegt, zur Miete. Manche bleiben wenige Wochen oder Monate, andere sind schon über ein Jahr da und haben hier ihren Wohnsitz gemeldet. "Zeitwohnen" nennt der Betreiber Herbert Scheidt sein Konzept. Als Vorbild dienen ihm die Trailerparks in den USA. Noch vor drei Jahren hatte er einen Leerstand von 30 Prozent, jetzt ist er viel besser ausgebucht. Zwischen 100 und 300 Euro nimmt er für monatlich für einen Wohnwagen - je nach Alter und Größe. Die Kündigungsfrist liegt bei 14 Tagen. Eine Kaution verlangt er nicht.

Heilfroh ist Scheidt darüber, dass sich die rund 200 Dauercamper, die meist nur am Wochenende hier sind, mit den neuen "Kunden" gut verstehen.

 

Neuer Job, kleine Rente, arbeitslos

"Der Großteil der Zeitbewohner sind Arbeitnehmer, die hier einen neuen Job gefunden haben - wie Karsten Lehmkuhl eben", erzählt Scheidt. "Vom Buchhalter bis zum Mauerer ist alles dabei. Sie wollen erst die Probezeit abwarten, bevor sie etwas anderes anmieten." Da ist aber auch die Familie, die statt teuer zur Miete zu wohnen, es sich nun leisten kann, zwei Mal im Jahr in Urlaub zu fahren. Und der Abenteurer, der Geld ansammelt, um sich den Traum vom Auswandern zu erfüllen. Und der Berufsmusiker, der wegen seiner kleinen Rente eine günstige Unterkunft sucht. Aber auch der Arbeitlose, der nur ein schmales Budget hat.

 

Der Preis war mit ausschlaggebend

Für Friedhelm Tepasse stand auf jeden Fall die Preisfrage mit im

Vordergrund: Als er sich dieses Frühjahr für den "Aggerstrand"

entschied, war er arbeitslos. Was auf dem Markt für eine Zwei-Zimmer-Wohnung verlangt wird, konnte er nicht ausgeben. Außerdem war er krank, weil die Wohnung, in der er lebte, verpilzt gewesen sei, sagt er. "Ich dachte in der Natur werde ich am ehesten gesund." So sei es auch gekommen. "Ich wurde hier psychisch sofort von den anderen aufgefangen. Dann kam der Sommer. Alles spielte sich draußen ab. Das war eine schöne Zeit." Dass der 58-Jährige sich dennoch nach einer Mietwohnung in zentraler Lage umsehen will, hat mit seiner neuen Aufgabe zu tun. Er ist Mandatsträger der Partei Die Linke im Rathaus von Lohmar und will "näher an den Bürgern" dran sein.

 

"Jeder ist für jeden da"

Heide Stromberger dagegen kann sich nicht mehr vorstellen, woanders zu leben. Dafür nimmt die 62-Jährige ihr kleines Quartier und ungemütliche Temperaturen trotz Rheuma gerne in Kauf. Ihren Wohnwagen hat sie sich schön hergerichtet. Davor steht sogar ein Hollywood-Schaukel. Einen kleinen Luxus erlaubt sich die Hartz-IV-Empfängerin außerhalb des

Platzes: Statt immer die Gemeinschaftsduschen benutzen, kann sie bei einer Verwandten baden. Diese lebt in der Nähe im Ort. Wie viele der anderen Zeitbewohner schwärmt auch die Ex-Kölnerin von der starken Gemeinschaft auf dem Platz. Bei einer Tasse Kaffee in der Camping-Kneipe erzählt sie: "Letztens habe ich mir einen DVD-Player angeschafft und sofort war jemand da, der ihn mir angeschlossen hat. Hier ist jeder für jeden da."

Die 62-Jährige hat ihr Leben lang Camping gemacht. Nur zweimal war sie im Urlaub in einem Hotel. Sie hatte schon lange den Wunsch so wie jetzt zu leben, traute sich aber nicht das anzugehen: "'Das kann man doch nicht machen', habe ich gedacht." Dann schob sie ihre Bedenken beiseite.

Statt des Apartments in Köln bezahlt die ARGE jetzt ihre Miete auf dem Platz. Heide Stromberger hat den absolut richtigen Schritt getan, sagt

sie: "Ich war lange nicht mehr so glücklich."